‚Victoria‘ Review – Fehlerhafter Diamant (Spoiler)

media-title-Victo-10

1999 veröffentlichte der bisher nur aus kleineren Rollen bekannte Schauspieler Sebastian Schipper sein Regiedebut „Absolute Giganten“. Der Film wurde von Kritikern als auch vom Publikum sehr positiv empfangen, weil er einen sehr ehrlichen und emotionalen Erählkern hatte und vielen Klischees aus dem Weg ging.

absolute_giganten02

Seine Folgefilme „Ein Freund von mir“ und „Mitte Ende August“ konnten leider dabei nicht mithalten und schwächelten vor allem weil Schipper eine sehr hollywoodeske Erzählweise verwendete, die im starken Kontrast zu der in „Absolute Giganten“ stand. Dieses Jahr veröffentlichte er dann nach einer längeren Pause vom Regiestuhl den Film um den es hier geht: Victoria.

Schon vor Kinorelease erregte der Film relativ viel Aufmerksamkeit, weil er bei den ersten Prescreenings eine extrem positive Rückmeldung erhielt und geradezu mit nationalen Filmpreisen überschüttet wurde.

Dadurch entstand in mir automatisch einerseits Vorfreude und Skepsis, da ich nicht gerne hohe Erwartungen hege und in den ersten Reviews Phrasen wie „Der beste Film des Jahres“ oder „Der beste deutsche Film seit Jahren“ fielen, bei denen ich einfach nicht glauben konnte, dass sie der Wahrheit entsprechen. Als ich den Film dann das erste Mal im Kino sah, alleine und ohne großes Vorwissen über die Handlung, war ich absolut begeistert und stimmte von da an in die Lobeshymnen mit ein. Und mit jedem Mal mit dem ich den Film sehe, liebe ich diese Errungenschaft des deutschen Kinos noch ein wenig mehr. Aber genug von mir.

victoria-laia-costa

Der Film beginnt mit flimmernden weißem Licht zwischen deren Blinken man die Silhoutten tanzender Menschen erkennt. Langsam fokussiert sich das Bild auf eine Person und von diesem Punkt an setzt die Kamera bis zur finalen Einstellung nicht mehr ab, Victoria ist eine einzige 140-minütige Plansequenz. Dieser Fakt machte einige Menschen auf den Film aufmerksam, denn die Plansequenz, eine Methode die aus der Not geboren wurde, hat durch Filme wie „Children of Men“, „Gravity“ und „Birdman“ (Kamera: Ironischerweise überall Emmanuel Lubezki) seit einiger Zeit auch beim Publikum an Beliebtheit gewonnen. Das liegt natürlich vor allem daran, dass man durch diese Art der Szenenregie, jedenfalls in den Beispielen, den Zuschauer emotional mehr involvieren kann. Wenn es gut gemacht ist, wird dadurch nämlich der Fakt, dass man einen Film schaut, etwas weniger deutlich und man kann sich im Bild verlieren. Es gibt natürlich auch einige Negativbeispiele, bei denen der Oneshot nicht funktioniert und einige Cuts den entsprechenden Filmen gut getan hätten.

Und dann gibt es noch die Plansequenzen, die einen gesamten Film ausfüllen, ob getrickst oder nicht mal beiseitegestellt. Aber bei eben denen fühlt sich der Oneshot oft nicht nach einer Notwendigkeit an. Eher als ein pures Gimmick. Ich finde beispielsweise den Oneshot aus Birdman sehr beeindruckend und finde er vermittelt ein gewisses Gefühl für das Setting. Ansonsten finde ich ihn erzählerisch aber nicht wirklich notwendig, wobei ich da gerne mit mir reden lasse. Victoria ist für mich persönlich aber der erste Film, der ohne den Oneshot niemals funktionieren würde, denn das gesamte Prinzip seiner Handlung basiert darauf, dass die Geschehnisse des Films in Echtzeit ablaufen. Dadurch ist man immer mittendrin und wird praktisch zur Kamera, man ist immer gespannt was als nächstes passiert und man sieht vor allem, wie sich Victorias Charakter von Minute zu Minute ständig entwickelt.

Victoria

Die Dialoge sind größtenteils improvisiert, das Screenplay enthält nur einen losen Handlungsaufbau und ist dementsprechend auch nur 12 Seiten lang. An diesem Punkt muss man einmal auf die schauspielerische Leistung eingehen, die in diesem Film geliefert wird. Laia Costa und Frederick Lau sind beide durchgehend überzeugend durch ihre extrem gute Chemie und natürlich wirkende Interaktion, aber das dann auch noch über eine so extrem lange Laufzeit zu tragen ohne dabei jemals out of character zu sein hat mich doch schwer beeindruckt, vor allem Laia Costa wäre damit bei meinen persönlichen, imaginären Oscars mindestens nominiert. Die Charaktere in diesem Film waren in der Weise besonders, dass man sie in Berlin sicherlich so hätte antreffen können.Victoria ist nachvollziehbar und in jedem Moment habe ich mit ihr gefühlt, ich habe genau verstanden was sie durchgegangen ist und wieso Sonne und seine Jungs sie so einfach überzeugen konnten. Auch Boxer und Sonne waren beide gut umrissene, realistische Charaktere, die zwar Dinge machen, die wohl schwer als moralisch hochwertig eingestuft werden können, aber uns trotzdem symphatisch sind, weil wir wissen, dass sie keine schlechten Menschen sind. Sie sind in diesem Millieu aufgewachsen und wurden dadurch entsprechend geformt. Dabei spürt man an einigen Stellen sogar einen gewissen Wunsch daraus auszubrechen, jedenfalls aus dem kriminellen Aktivitäten, nicht unbedingt aus ihrer Heimat, auf die sie ja sehr stolz sind („We’re real berlin guys!“).

Victoria_550760_©-Senator-Film

Die Kameraarbeit von Sturla Brandth Grovlen sei auch noch einmal angesprochen, denn die ist extrem beeindruckend, so gut wie immer ist exakt das im Fokus, was gerade wichtig ist, was bei dieser Laufzeit wieder beeindruckend ist und die Dialoge sind durch die Kamerabewegung sehr viel dynamischer als ich jemals bei einem Oneshot erwartet hätte. Der größte Triumph der Kameraarbeit ist allerding, dass sie größtenteils so subtil arbeitet, dass dem narrativen Kern nichts im Wege steht und kein Frame zu überladen ist. Durch diese zurückhaltenden, aber gleichzeitig immer mit größter Präzision erreichten Bilder wird der Zuschauer zur Kamera, wie vorher schon erwähnt und man fühlt sich wie ein Teil dieser chaotischen, schicksalshaften Nacht.

Nils Frahms Soundtrack ist einer der besten Dinge die Victoria passieren konnte, denn sein Mix aus Piano und Elektro bewirkt einen sehr schwebenden, hypnotischen Klang, der einen großen Teil der Atmosphäre ausmacht und der in einem ein seltsames, sehnsüchtiges Gefühl auslöst, das schwer zu beschreiben ist.

Der letzte Akt des Films ist für mich einer der spannendsten Momente des Filmjahres gewesen, auch wenn viele mir dabei wiedersprechen werden und das Ende für zu over the top halten. Ich muss in der Hinsicht sagen, dass der suspense of disbelief für mich in Victoria zu jeder Sekunde funktioniert hat, gerade weil der Anfang so massiv realistisch war, hat mich das ein wenig konventionellere Heistsetting trotzdem vollkommen mitgenommen und kein Stück herausgerissen. Bei der finalen Szene im Hotel, bei der Laia Costa und Frederick Lau ihre Schauspielmuskeln spielen lassen war ich wirklich extrem mitgerissen und habe so ziemlich nichts mehr um mich herum wahrgenommen, weil der Film mit wenig Dialog doch so viel gesagt hat. Als Victoria zu Vogelgezwitscher dann in Richtung der gerade aufgegangenen Sonne läuft und die Kamera stehen bleibt, um das erste Mal nach mehr als zwei Stunden den Stop-Knopf zu betätigen, das Bild schlussendlich schwarz wird, Nils Frahms großariger Soundtrack, den ich gar nicht genug loben kann, noch einmal zu spielen beginnt und die Credits laufen, war ich sprachlos. Und das auch für einige Zeit nach dem Sehen des Films.

maxresdefault

Ich hatte noch nie so ein intensives und mitreißendes Kinoerlebnis und es hat dazu nicht mehr gebraucht als eine einzelne Kamera, ein kleines Budget, eine Crew von passionierten Filmemachern und eine gute Idee. Victoria ist dabei nicht perfekt, aber das will es auch gar nicht sein und das ist gut so.

Perfektion ist langweilig.

Advertisements

5 Gedanken zu “‚Victoria‘ Review – Fehlerhafter Diamant (Spoiler)

  1. Hatte noch keine Zeit den Text zu lesen, aber bezüglich der Planszenen: Man achte sich beim neusten Bond „Spectre“ auf die fabulöse Anfangssequenz. Genial, meiner Meinung nach die beste Szene des Filmes.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s