‚Love‘ Review – Poesie oder Porno?

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Gaspar Noe zählt als einer der unkonventionellsten Filmemacher unserer Zeit und das hat er in jedem seiner Filme immer wieder bewiesen. 

Vom ultimativen Drogentrip in ‚Enter the Void‘ oder sozialer Entfremdung in ‚Menschenfeind‘ verarbeitet er in seinen Filmen Themen, die gesellschaftlich meist sehr tabuisiert sind und setzt sie mit einer extremen audiovisuellen Brillianz um. Vor allem seine Bilder lassen den großen Einfluss von Kubrick spüren, denn auch Noe ist absoluter Perfektionist. Sex und Gewalt spielen in seinen Filmen oft eine große Rolle, in ‚Menschenfeind (I stand alone)‘ hat er sich vor allem mit Gewalt und derer Quelle beschäftigt, in seinem neuen Film ‚Love‘ will er jetzt Beziehungen und Sex visuell verarbeiten und das auch noch in aufwändigem 3D, um den Zuschauer möglichst stark in das Erlebnis einzubinden.

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Die Leitfrage dieser Review lautet: Ist ihm gelungen einen 2-stündigen Film über Liebe zu drehen, ohne dabei belanglos zu sein? „Nein“, sagen viele Kritiker. „Ja, teilweise“ sage ich.

Der Film beginnt mit einer Warnung des Theater Managements: „Put your glasses on, ‚Love‘ will start in a few seconds“ und ‚Love‘ ist auch das was wir in der ersten Szene im weitesten Sinne zu Sehen bekommen. Der Hauptcharakter Murphy erhält einen Handjob von einer Frau während er sie gleichzeitig mit seinem Finger stimuliert.

Mir ist nach einigen Sekunden direkt aufgefallen, dass hier nicht getrickst wurde, die Kamera cuttet 2 Minuten bis zum Klimax nicht, die Schauspieler haben Realsex. Das ist für diese Art von Film eine sehr spezielle Entscheidung, da er sehr sehr viele, meist ca. 1-2 minütige Sexszenen hat und deshalb ist der im Voraus von einigen Menschen erhobene Vorwurf, dass der Film nur ein sehr langer Porno mit ein bisschen mehr Story als üblich sei, nicht ganz so weit hergeholt, wie ich ursprünglich dachte. Ob denn Realsex in einem Film wirksamer ist, als eine sehr gut dirigierte Fakeinszenierung, bei der weniger gezeigt wird, aber die trotzdem überzeugen kann, kann man durchaus diskutieren, aber in diesem Fall finde ich den echten Sex in Ordnung, da er wirklich gut inszeniert wurde. Etwas subtiler hätte dem Film insgesamt aber ab und an doch etwas besser getan.

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Inhaltlich geht es um einen Amerikaner (Murphy), der nach Paris gezogen ist, um dort Film zu studieren. Am Anfang des Films sehen wir ihn in einer recht auswegslosen Situation, in die er größtenteils durch Eigenverdienst geraten ist und in der er in Flashbacks, die den größten Teil des Films füllen, auf seine letzte Beziehung reflektiert, die den Status Quo verursacht hat.

Der Titel des Films ist hier nicht nur in den Sexszenen Programm, sondern auch das Hauptthema der Story. Was ist Liebe eigentlich? Murphy findet das in der Gegenwart langsam heraus und versteht es erst dann als es schon zu spät ist. Er wird dadurch zu einem sehr tragischen Charakter und dies ist auch eines der besten Dinge an Love. Diese langsame, sehr intime Analyse einer Beziehung mit all ihren Details die langsam den Bach heruntergeht.

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Ein großes Problem, dass der Film hat, sind die Schauspieler, die leider nicht immer gute Arbeit leisten und in mehreren Szenen fast schon komisch wirken, was natürlich nicht besonders förderlich ist. Da wurde zugunsten der realen Sexszenen leider etwas Potential im Cast verschenkt.

Handwerklich ist der Film absolut fantastisch und wieder mal eine audiovisuelle Höchstleistung. Rot ist hier die vorherrschende Farbe, die Farbe von Sünde und Lust. Das 3D ist wirklich gut implementiert und verstärkt die hypnotische, wabernde Bildsprache noch einmal. Noe filmt ein sehr facettenreiches Paris, von Restaurants bis Nachtclubs wird eine große Anzahl an Schauplätzen gefilmt. Der Fokus ist jedoch immer eher auf den Charakteren, als auf ihrer Umgebung und deshalb ist letztere immer auch etwas blurry, während die Gesichter der Hauptcharaktere von Beleuchtung und Kamera stark betont werden. Der Film hat zusätzlich eine seltsame Art zwischendurch immer wieder kurz schwarzzublenden, oft auch mitten in einer Szene. Überraschenderweise ist das überhaupt nicht störend und eine sehr interessante Regieentscheidung, die ich aktiv anderswo noch nie festgestellt habe.

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Alles in allem war ich von der Inszenierung und den schlussendlich tragischen Charakteren doch soweit angetan, dass ich den Film doch recht gerne mag, auch weil er sehr unkonventionell ist, wie es sich für Noe gehört. Wen der Sex abschreckt, sollte diesen Film nicht schauen, denn das ist sein Hauptfokus und das kann manchmal etwas ermüdend werden, weil die Sequenzen etwas zu frequentiert sind und nicht immer inhaltlich notwendig. ‚Love‘ ist durchaus sehenswert, wenn man mit entsprechenden Erwartungen an ihn rangeht.

Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=62yCdFzP9Mc

Information: http://www.imdb.com/title/tt3774694/?ref_=nv_sr_1

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